Psalmen – Gebete auf dem Weg /Teil 6
"Wie lange noch, HERR, vergisst du mich ganz?" (Ps 13,2) - Klagend beten mit Psalm 13
Die Psalmen laden dazu ein, das ganze Leben mit Gott ins Gespräch zu bringen: die Zeiten des Glücks ebenso wie die des Unglücks, die Tage der Freude und die der Trauer. In der biblischen Gebetssprache haben sich geprägte Formen herausgebildet, die es den Beterinnen und Betern erleichtern, die Licht- und Schattenseiten des Lebens betend zu bewältigen. In diesem Zusammenhang spricht man häufig von der „Gattung“ und der „Form“ eines Psalms. Der Begriff „Gattung“ bezieht sich mehr auf das idealtypische Aufbauschema eines Gebets, die „Form“ hat mehr die jeweilige Ausprägung des Grundmusters im Blick. Die beiden Hauptgattungen des Psalters sind Klagepsalmen und Lobpsalmen bzw. Hymnen.1 Diese Gebetsformen erlauben es, die Ambivalenz menschlichen Lebens mit seinen widersprüchlichen Erfahrungen auszudrücken. Unglück und Elend, Misserfolg und Leid münden ein in die Klage. Glück und Erfolg, überstandene Not und Lebensfreude finden ihren Ausdruck im hymnischen Lobpreis.
Klagegebete des Einzelnen und des Volkes
Innerhalb der Klagepsalmen – um sie soll es in diesem Beitrag gehen – lassen sich die Klagelieder des Einzelnen von denen des Volkes unterscheiden. Letztere tragen vor allem die Nöte vor Gott, die das gesamte Gottesvolk betreffen: Hungersnöte, Heuschreckenplagen, Kriegsgefahr, feindliche Überfälle oder Seuchen wie die Pest. Beispiele hierfür finden sich nicht nur in den Psalmen (Ps 44; 74; 83), sondern auch in anderen biblischen Büchern (Jes 63,7 - 64,11; Joël 1,2 - 2,27; Dan 9). Im Klagelied des Einzelnen wenden sich Beterinnen und Beter in ihren persönlichen Sorgen und Nöten an Gott, im Vertrauen auf seinen Beistand. Auch hierfür ließen sich zahlreiche Beispiele aus dem Psalter anführen, etwa Ps 6; 13; 22; 102.
Zum Aufbau eines Klagegebetes
Sowohl die Klagelieder des Einzelnen wie die des Volkes folgen idealtypisch einem klaren Aufbau-Schema. Sie beginnen meist (1) mit der Anrede Gottes. Es folgen (2) die Beschreibung der Not mit ihren verschiedenen Gesichtern2, (3) die Bitte um Befreiung aus der Not, (4) ein Vertrauensbekenntnis und – in der Regel – (5) ein Lob- oder Dankgelübde. Die Elemente (3) bis (5) können weiter ausgestaltet sein, ja sich verselbständigen. Dann liegen – je nachdem – ein Bittpsalm, ein Vertrauenspsalm oder ein Lob- und Dankpsalm vor.
Dieser nüchtern wirkende Aufbau gibt zugleich einen Gebets-Weg vor, dem eine heilende Kraft innewohnt. Er bietet den Beterinnen und Betern eine Hilfestellung, um aus der Not und Enge herauszufinden. Diese Wegetappen seien anhand der Klage von Psalm 13 aufgezeigt.
Sich auf das göttliche „Du“ hin ausrichten
Biblisches Klagegebet beginnt in aller Regel mit einer Anrede Gottes, selbst wenn dieser als abwesend erfahren wird. So auch in Psalm 13. Nach der Überschrift in V 13 folgt die Anrede Gottes, der mit seinem Namen JHWH als Gott des Exodus und der Befreiung direkt angesprochen wird. Auch wenn er dem Beter fern zu sein scheint, wenn er „sein Gesicht verbirgt“, der Psalmist spricht das göttliche Du dennoch an. Er weiß: Nur auf Gott hin und von Gott her kann ihm Rettung und Heil widerfahren.
Der Not einen Namen geben (V 2–3)
Mit der Anrede Gottes wird im Klagepsalm die Not mit ihren verschiedenen Gesichtern und in ihren unterschiedlichen Dimensionen beim Namen genannt. Diese Not kann im Ich des betenden Menschen, in seinem eigenen Innern liegen: in seiner Unruhe, im Unfrieden und in Gewissensnot, in Einsamkeit, Krankheit und Angst. Häufig hat die Not ihre Ursache außerhalb, in einer missgünstig erfahrenen Umgebung; sei es im Freundes- und Bekanntenkreis4, sei es in einer feindselig gesinnten Gesellschaft, die die Beterinnen und Beter umgibt und ihnen durch Rufschädigung und Verleumdung, vielleicht sogar durch Verfolgung und Todesdrohung an Leib und Leben geht. Fast immer aber hat die Not mit Gott zu tun. Die Grund-Not besteht in den Klagegebeten darin, dass Gott als der große Abwesende erfahren wird. Das ist, als würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Diese drei Dimensionen der Not – die individuelle (körperlicher oder seelischer Natur), die soziale und die geistlich-theologische – kommen in Ps 13,1–2 anschaulich zur Sprache.
2 Wie lange noch, HERR, vergisst du mich ganz?
Wie lange noch verbirgst du dein Angesicht vor mir? [Gottesbezug]
3 Wie lange noch muss ich Sorgen tragen in meiner Seele,
Kummer in meinem Herzen Tag für Tag? [Selbstbezug]
Wie lange noch darf mein Feind sich über mich erheben? [soziales Umfeld]
Die Klage beginnt also damit, wahrzunehmen und ehrlich anzuschauen, was ist. Klagend beten fordert dazu heraus, sich der Not zu stellen, ihr einen Namen, ein Gesicht zu geben und sie ins Gespräch zu bringen; ins Gespräch mit Menschen des Vertrauens, vor allem ins Gespräch mit Gott.
Mut zur Bitte um Veränderung
Auf die Notschilderung folgt die Bitte um Befreiung und Rettung (V 4–5a). Die drei Dimensionen der Not werden in der Bitte erneut aufgegriffen, denn der ganze Mensch in seinem Selbst-Bezug, seinen sozialen Bindungen und in seiner Gottesbeziehung soll durch das rettende Handeln Gottes Heilung finden. Vor allem gilt es, aus der Grund-Not herauszufinden: dass Gott abwesend ist. Wenn Gott seine Gegenwart erneut schenkt und sich als der Gegenwärtige erfahrbar macht, dann verlieren die anderen Nöte ihr bedrohliches Gesicht. In der Worten des Psalmisten klingt dies so:
4 Blick doch her, gib mir Antwort, HERR, mein Gott! [Gottesbezug]
Erleuchte meine Augen,
damit ich nicht im Tod entschlafe, [Selbstbezug]
5a damit mein Feind nicht sagen kann:
Ich habe ihn überwältigt! [soziales Umfeld]
Die Bitte um Befreiung und Rettung schließt die Bereitschaft mit ein, sich selbst zu ändern, wo es geboten erscheint. Diese Umkehr-Bereitschaft unterscheidet biblisches Klagen vom beliebten Jammern, das Mitleid heischend bei sich selbst bleibt, und vom weit verbreiteten Nörgeln, das eine Änderung vor allem von anderen erwartet, nicht aber von sich. Zum biblischen Klagegebet gehört der Mut, sich aktiv einzubringen in den Prozess der Heilung, Verantwortung zu übernehmen und bereit zu sein, den eigenen Lebensstil zu ändern.
Die Kraft des Vertrauens mobilisieren
Auf die Notschilderung und die Bitte folgt das Wort des Vertrauens. Die Kräfte des Vertrauens zu mobilisieren, ist Teil des biblischen Klagegebetes. Wie tief die Wunden eines Menschen auch sein mögen, die Kräfte des Vertrauens, die in jedem Menschen schlummern, wurzeln nicht weniger tief als die Wunden. Mehr noch! Da die Kräfte des Vertrauens ihren Ursprung im Ja-Wort Gottes zum Menschen haben, kann aus dem Gott-Vertrauen verwundetes menschliches Leben von unten und von innen her heilen.5 Der Weg der Heilung geht jedoch nicht an der Wunde vorbei, sondern er führt durch die Wunde hindurch. Dort, wo die Wunde ist, beginnt auch der – nicht selten schmerzliche – Weg der Heilung. So ist und bleibt Gott der tragende Lebensgrund und der entscheidende Bezugspunkt, um in den Stunden und Tagen der Not bestehen zu können.6
5b Meine Gegner, sie jubeln, weil ich wanke!
6a Ich aber: Ich habe auf deine Güte vertraut.
Während die Gegner noch ihre vermeintliche Überlegenheit auskosten und sich als Sieger wähnen, orientiert sich der Beter gerade nicht an der lärmenden Mehrheit, sondern er nimmt Maß an seinem Gott – im Schritt, ja im Sprung des Gott-Vertrauens, in dem er der Güte Gottes begegnet.
In Dank und Lobpreis ins Leben hineinfinden
Schließlich mündet das Klagegebet ein in das Dank- und Lobgelübde. Nicht das Siegesgeschrei der Gegner, sondern der Jubel über Gottes rettendes Handeln soll die Beterinnen und Beter fortan prägen.
6b Jubeln soll mein Herz bei deiner Hilfe:
Singen will ich dem HERRN,
weil er mir Gutes getan hat.
Der Lobpreis Gottes wird zugleich zum Zeugnis vor den Menschen. Manche Klagepsalmen betonen eigens, dass die Beterinnen und Beter ihren Dank- und Lobpreis im Kreise der Brüder und Schwestern bekannt machen.7 Mit dem Wort des Vertrauens und dem Lob- und Dankgebet, verbunden mit dem Willen, das erfahrene Handeln Gottes weiter zu erzählen, überwinden die biblischen Beter zugleich die Isolation, in die sie in ihrer Not geraten waren. Eben dies ist eine der Früchte biblischen Betens. Es führt heraus aus der Isolation und schenkt neu Beheimatung und Halt: bei Gott und im Kreise der Schwestern und Brüder. Heilung erreicht erst dann ihr Ziel, wenn neben der physischen und psychischen Gesundung auch der Gottesbezug und das Zusammenleben unter den Menschen wieder heil sind. Heilung meint den gesamten Menschen.
Prof. Dr. Franz Sedlmeier, Universität Augsburg
Nächste Nummer:
„Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir“ (Psalm 23,4)
Im Gefolge des guten Hirten.
Klagegebet eines unbekannten jüdischen Gläubigen aus dem Warschauer Ghetto:
„Ich bin ein Geschlagener, aber kein Verzweifelter, ein Gläubiger, aber kein blinder Amensager ... Gott von Israel – du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube. Solltest du meinen, es wird dir gelingen, mich von meinem Weg abzubringen, so sage ich dir, mein Gott und Gott meiner Väter: es wird dir nicht gelingen. Du kannst mich schlagen, mir das Beste und Teuerste nehmen, das ich auf der Welt habe. Du kannst mich zu Tode peinigen – ich werde immer an dich glauben. Ich werde dich immer lieb haben – dir selbst zum Trotz! Und das sind meine letzten Worte an dich, mein zorniger Gott: Es wird dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube, damit ich an dir verzweifle! Aber ich sterbe, genau wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an dich.“
(Aus:Th. Schneider, Was wir glauben. Eine Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses
Düsseldorf 1985, S. 103-104)
[2] Die Not kann in der Erfahrung der Gottferne bestehen, in der Bedrängnis durch Feinde; sie kann ihren Ursprung aber auch in der eigenen leib-seelischen Verfasstheit haben (Krankheit, innerer Unfriede, Gewissensnot).
[4] Vgl. Ps 55,13-14: „Nicht ein Feind beschimpft mich, das könnte ich ertragen; nicht einer, der mich hasst, tritt groß gegen mich auf, vor ihm könnte ich mich verbergen. Nein, du bist es, ein Mensch mir gleich, mein Freund und mein Vertrauter.“
[5] Dies schließt fachmännische therapeutische Hilfe nicht aus. So ist der gelehrte Weise Jesus Sirach nach Sir 38,9.12 überzeugt: „Kind, in deiner Krankheit sei nicht unachtsam, sondern bete zum Herrn und er selbst wird dich heilen! ... Gib dem Arzt seinen Platz, denn auch ihn hat der Herr erschaffen! Er bleibe dir nicht fern, denn er ist notwendig!“
Zuvor hatte Jesus Sirach darauf hingewiesen: „Ehre einen Arzt wegen seiner nützlichen Dienste mit gebührenden Ehren, denn auch ihn hat der Herr erschaffen!“ (Sir 38,1).