Das klingende Ave Maria
Glocken als Botschafter der Verkündigung des Herrn
Nur noch wenige Zeitgenossen kennen die eigentliche Bedeutung des dreimaligen Glockengeläuts von unseren Kirchtürmen im Tagesverlauf. Vielen geht der Jahrhunderte alte Brauch sogar auf die Nerven, selbst Gerichtsverhandlungen gibt es mittlerweile wegen vermeintlicher Ruhestörung bzw. Irritation. Leider hat auch bei praktizierenden Katholiken das Verständnis des Angelus- oder Ave Maria-Läutens in der Früh, zu Mittag und am Abend größtenteils abgenommen, eine Verankerung im religiösen Vollzug ist kaum mehr vorhanden. Vielleicht vermag diese Betrachtung zu einem bewussten Wiederentdecken dieser sinnvollen Tradition anregen und sie neu mit Sinn füllen.
Staunen über die Menschwerdung Gottes
Wie in vielen Bereichen der Frömmigkeitsgeschichte hat auch hier der Franziskanerorden einen wesentlichen Impuls gegeben. Franz von Assisi war vor allem ergriffen vom großen Geheimnis der Fleischwerdung des Sohnes Gottes im Schoß der Jungfrau Maria. Die Anrede des Verkündigungsengels Gabriel im Lukasevangelium (Lk 1,28) erweitert Franziskus zu einer litaneiartigen Betrachtung, zum sogenannten Lobpreis der Gottesmutter: Sei gegrüßt, Herrin, heilige Königin, heilige Gottesmutter Maria […], die er geweiht hat mit seinem heiligsten geliebten Sohn und dem Heiligen Geiste, dem Tröster, in der war und ist alle Fülle der Gnade und jegliches Gute. Sei gegrüßt, du sein Palast. Sei gegrüßt, du sein Zelt. Sei gegrüßt, du seine Wohnung. Sei gegrüßt, du sein Gewand. Sei gegrüßt, du seine Magd. Sei gegrüßt, du seine Mutter […] (FranziskusQuellen 33). Durch das Fiat des einfachen Mädchens Maria erhielt die enge Stube von Nazaret gleichsam eine Ausdehnung in kosmische Dimensionen. Die Bedeutung jener Stunde kann heilsgeschichtlich nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das ehrfürchtige freudige Staunen und geistliche Erschauern darüber gab Franziskus seiner Brudergemeinschaft mit auf den Weg.
Zeichen lebendiger Erinnerung
Wie jeder religiöse Vollzug lebt auch das skizzierte andauernde Hingerissen-Sein von der Menschwerdung Gottes von und mit konkreten Zeichen. Anleihe genommen hatte Franziskus dafür erstaunlicherweise von einer muslimischen Gepflogenheit, die er auf seiner Orientreise 1220 täglich mehrfach erleben konnte. Die Rede ist vom mehrfachen Ruf des Muezzins vom Minarett der Moscheen. Die Gebetsaufforderung zum Lobpreis Allahs muss bei Franziskus einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Er selber beklagt immer wieder die Gottvergessenheit der Menschen, etwa im Zusammenhang mit dem von ihm 1223 initiierten Krippenspiel von Greccio, wo es heißt: […] denn der Jesusknabe war in vieler Herzen vergessen. Da wurde er in ihnen durch seinen heiligen Diener Franziskus wieder erweckt und zu eifrigem Gedenken eingeprägt (FranziskusQuellen 251). Die Frömmigkeitskultur der Muslime veranlasste den Liebhaber Gottes von Assisi nach seiner Heimkehr, ein Sendschreiben an alle Lenker der Völker zu verfassen mit der Bitte, auch im christlichen Bereich ähnliche Initiativen zur beständigen Verehrung Gottes zu setzen: Ihr möget doch unter dem euch anvertrauten Volk dem Herrn so große Ehre bereiten, dass an jedem Abend durch einen Herold oder sonst ein Zeichen dazu aufgerufen werde, vom gesamten Volk Gott, dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank zu erweisen (FranziskusQuellen 137). Die Bezeichnung Herold erinnert dabei eindeutig an den Erzengel Gabriel, den zu Maria gesandten Boten Gottes, der die Frohe Botschaft der Erfüllung der messianischen Verheißungen verkündigen sollte.
Glocken als Mittel der Verkündigung
Was im Brief an die Lenker der Völker als passendes Zeichen der Erinnerung noch offen geblieben war, präzisiert Franziskus ebenfalls im Jahr 1220 in einem Schreiben an die Kustoden (Oberen) im Orden: Und über sein [Gottes] Lob sollt ihr zu allen Leuten so sprechen und predigen, dass zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht wird (FranziskusQuellen 112). Man spürt hieraus geradezu ein universales Sendungsbewusstsein, nicht aus religiösem Fanatismus, sondern aus liebender Ergriffenheit. In den Klöstern war es immer schon Brauch, die Ordensleute durch ein Glockenzeichen mehrmals am Tag zu den Gebetszeiten zusammen zu rufen. Angeregt durch seine Orienterfahrung wollte Franziskus diese Gepflogenheit nun auf alle Christgläubigen ausgeweitet wissen, dass sie mehrmals am Tag zum Innehalten zum Gebet eingeladen würden. Darin also dürfen wir den Anfangsmoment unseres Angelus-Läutens erkennen.
Gebetsgedenken zum Glockenklang
Der Impuls zur allgemeinen Einführung des abendlichen Läutens kam in weiterer Folge durch einen Beschluss des Generalkapitels der Minderen Brüder (Franziskaner) in Pisa im Jahre 1263 unter Leitung des heiligen Bonaventura von Bagnoregio (+1274). Dieser Nachfolger des heiligen Franz in der Ordensleitung schrieb in der Bruderschaft vor, beim abendlichen Läuten die Gottesmutter zu grüßen und der Menschwerdung Gottes zu gedenken, da Maria am Abend die Botschaft des Erzengels Gabriel gehört und Jesus empfangen habe. Er sprach auch als erster dezidiert die Empfehlung aus, am Abend dreimal das „Ave Maria“ zu beten. Somit war das abendliche Läuten, welches bislang die Ordensleute zum Vespergebet gerufen hatte, in Verbindung mit dem entsprechenden Gebet in die traditionelle Form gebracht. Papst Johannes XXII. griff diese Tradition 1318 auf, indem er für die ganze Kirche die Anordnung traf, dass die Gläubigen jeden Abend beim Läuten auf die Knie fallen und Maria dreimal grüßen sollen.
Das Angelus-Läuten
Auf Initiative des heiligen Bonaventura wurde also der Weg zum klassischen Angelus-Läuten, wie wir es heute noch kennen, bereitet. Der Begriff leitet sich her vom Verkündigungsevangelium in Lukas 1,26-38, welches vom Besuch des Engels (lateinisch: Angelus) Gabriel bei Maria handelt. Dieser Schrifttext wird im Gebet zum Glockenklang unter zweimaligem Absetzen gleichsam rhythmisiert und verkürzt wieder gegeben:
Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geist.
Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade …
Maria sprach, siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.
Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade …
Und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt.
Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade ….
Gebet in den Türkenstürmen
Einen allgemeinen Aufschwung und eine bleibende Verortung in der täglichen Frömmigkeitspraxis der Christenheit erlangte die Gebetsform schließlich in den Notzeiten ständiger Bedrohungen des christlichen Abendlandes durch die westwärts drängenden Türken. Der Franziskanerheilige Johannes Capistran veranlasste Papst Calixt III. im Jahr 1456, das Angelus-Gebet auch zu Mittag einzuführen, zum Schutz vor der Bedrohung. In derselben Absicht weitete Papst Pius V. 1571 das Angelus-Gebet auch auf die Tagwache in der Früh aus. Der „Engel des Herrn“ sollte von nun an von allen Christen als regelmäßige Gebetsform beim dreimaligen Läuten der Glocken gepflegt werden zum Schutz vor beständiger Bedrohung durch die Türken. Was der heilige Franziskus einst von den Muslimen abgeschaut hatte, sollte nun als Schutz gegen diese verwendet werden.
Glocke als Hoffnungsträger
Wie eingangs erwähnt, wird das Läuten der Glocken von unseren Türmen heutzutage meist nicht mehr verstanden bzw. sogar als lästig empfunden. Manche Menschen hingegen finden im Glockenklang so etwas wie Trost und Zuversicht. Besondere Exemplare, wie die Wiener „Pummerin“ im Stephansdom, strahlen edle Erhabenheit und ein Stück weit auch Ewigkeit aus. Nicht umsonst bleiben beim Läuten dieser schwersten Glocke Österreichs so viele Menschen betroffen und fasziniert zugleich stehen und lauschen ihrer wortlosen Botschaft. Das Heilige Jahr 2025 steht unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“. Für mich schwingt im vielstimmigen Angelus-Läuten einer Großstadt wie Wien immer etwas Hoffnungsfrohes mit. Über jede Tagesschlagzeile, jede Hiobsbotschaft, allen Lärm und alle Hast der Stadt und ihrer Menschen hinweg gibt der gleichbleibende Klang zu festgesetzter Zeit einen anderen Takt vor und eine konträre Botschaft mit, nämlich die aufrichtende Frohe Botschaft von der Fleischwerdung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus für uns, der auch heute und hier in den Herzen der Menschen ankommen und Wohnung finden möchte. Vielleicht gelingt es uns im Heiligen Jahr, die Glocken bewusster wahrzunehmen, innezuhalten und das Angelus-Gebet persönlich wieder zum guten Brauch werden zu lassen.
P. Oliver Ruggenthaler OFM